Mittwoch, 30. März 2016

fli und fla - ein kinderbuch?












Das Buch „fli und fla – ein Kinderbuch?“ ist in den Jahren 1998/ 99 in meinem Atelier entstanden. Veröffentlicht wurde es im „Eigenverlag“, 100 Exemplare - mit einem Minimalbudget am Fotokopierer. Jetzt ist es als Blog auf der Webseite 

https://www.kleinflug.tumblr.com/

veröffentlicht.  (bei Sicherheitswarnungen könnt ihr eine Ausnahme setzen)  Grüsse  Peer  

Montag, 14. März 2016

Bauchladen, Geschichten und Grafik


Bauchladen, Geschichten und Grafik


Zwischen ca. 1995 - 1999 hatte ich - nachdem ich mein Diplom an der Kunsthochschule "erkämpft" hatte - ein Atelier im Schanzenviertel. Max-Brauer-Allee, Hinterhof, eine ehemalige Garage - zur "Wohnung" ausgebaut und schon damals überteuert vermietet. Hatte gerade eine berufsbegleitende Clownausbildung (tut/Hannover) hinter mir und war voller Ambitionen, die frischen Erfahrungen mit künstlerischem Engagement zu kombinieren. Trotz des Kunststudiums immer noch romantisch veranlagt, schwebte mir die Idee einer Wiederbelebung des Geschichtenerzählers und des fahrenden Händlers vor. Gedacht, getan. Nach und nach enstanden eine Reihe von Linoldruckmotiven in den Formaten A6 bis A4, die - inklusive mit jeweils mehreren Andruckexemplaren - kompakt in einen Ordner passten. Hinzu kam noch ein kleiner Bauchladen mit "Recycel-Art"-Schmuck und Origamipapier-Blumen. Ordner und Bauchladen konnte man bequem in einer Kuriertasche verstauen.

So ausgerüstet begann ich Abends die Kneipen und Clubs in der Schanze abzufahren. Zuerst fragte ich die Bedienung, bzw. den Chef(in), ob ich die Gäste ansprechen dürfte, um ein bisschen Kleinkunst gegen Spende zu verkaufen. Dann ging es von Tisch zu Tisch - immer im Rahmen eines kleinen theatralen Auftrittes - zu jedem Motiv oder Schmuckstück bei dem ein wenig Interesse aufblitzte, gab es eine kleine Geschichte, wobei einem die Erfahrungen der Impro-Workshops des "tut" sehr hilfreich waren. Daraus entwickelte sich eine Tour von 20 - 30 Läden im Schanzenviertel, Altona und Eimsbüttel, die ich fast allabendlich abfuhr. Ein knappes Jahr konnte man so seinen Lebensunterhalt bestreiten.

Aber das waren  andere Zeiten - die Leute wurden noch nicht alle 5 Minuten am Tisch angesprochen (Spende für Blinde, Rosen, Postkarten, bischen Kleingeld, etc) und waren aber auch generell zugänglicher. Immerhin konnte ich - im Rahmen dieses mobilen Ausstellungskonzeptes - ein paar tausend meiner Minidrucke und Kleinkunstobjekte unter die Leute bringen. Anstelle eines Überfluges und nachfolgender Landung in der Galerielandschaft, gings dann 2000 zum Zweitstudium an der Universität Hamburg. Ein Großteil der Druckplatten (über 100) hat die nachfolgenden Jahre mit mehreren Umzügen und "schlechtem Wetter" (gemeint sind unschöne Einflussnahmen) nicht überstanden. Die paar Wenigen und den Bauchladen, die noch vorhanden sind, könnt ihr euch gerne angucken.

Peer


































Bauchladen











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Sonntag, 13. März 2016

texte zur verkehrsregelung

Texte zur Verkehrsregelung





Lesen als Bewegungsablauf-Störung


Im Frühling 99 lagen  bei mir im Atelier mehrere Short-Stories herum, die für einen Probelauf im Handsatz gedacht waren. Für eine richtige Veröffentlichung, also einen Druck, zuwenig, zum Herumliegen zuviel. Kleister, Quast und Eimer und ein paar A4-Kopien, schon waren die Texte veröffentlicht. Diese Inszenierung im öffentlichen Raum stieß auf unterschiedliche Resonanz. Manche waren begeistert, andere nicht. Nun, eineinhalb Jahre später, nachdem Wind, Wetter und übereifrige Hände die letzten Fetzen Papier schon lange getilgt haben; alle 6 Texte chronologisch mit den jeweiligen Illustrationen und 3 Gedichten nochmal beisammen. Auf dass man sich daran erfreuen, sich wiederfinden oder aufregen, oder gar, es zerreißen möge.

Ludersocke

(Text aus einer Austellungs-Broschüre; Herbst 2001)



 

Die Texte sind in dem Blog der Lesbarkeit wegen anders gesetzt als auf den damaligen "Handzetteln". Die Grafiken (Linoldrucke) waren begleitende Textillustrationen, die auf die Papelles (auf ca. Hälfte von A3 längs zurechtgeschnitten) händisch aufgedruckt waren.

 


Text 2

Beide sitzen auf der Treppe, zwischen sich ne 'Flasche Wein, guter Portugiesischer, wohlgemerkt. Zeit für tiefschürfende Gespräche ... 


"Was willst du?"

"Geld, viel Geld, ein Luxusweibchen, die mich die Sterne küssen lässt, gute Klamotten."

„Hör auf rumzuspinnen! Mieser Chauvi!"

"Oh, oh, 'tschuldigung. Mein natürlich ne 'Frau, ne 'echte Partnerin mit der man Pferde stehlen kann, mit der man sich die deutsche Geschichte vom Leib hält. Und Abends neben dem Bett die Teelichter anzünden."

Er nimmt einen Schluck aus der Weinflasche, reicht sie ihr weiter. Aus der nahegelegenen Kneipe kommen zwei Youngster, Bierverschlüsse klacken, die Kneipentür verschluckt die Musik.

"Im Ernst, was willst du?"

"Raus! Ich will raus! Raus aus diesem europäischen Zoo. Weg von den informellen Zäunen,
die schlimmer sind als Stacheldraht. Die Kuh am Straßenrand verwesen lassen und unter ahnungslose Röcke kriechen."

"Wie romantisch.."

"Wieso, du bist doch nicht ahnungslos."
" Du darfst aber trotzdem."

Er bauscht ihren imaginären Rock und verzweifelt dann am Reißverschluss der realen Jeans.

"Mach ruhig weiter."
"Hmm, mach mal später selbst."

Ein weiterer Schluck aus der Flasche.

"Und du Träumer glaubst das es in Afrika, Südamerika besser ist? Die Satelliten drehen über'n ganzen Globus ihre Bahnen. Ob du Couscous isst, Pfefferminztee trinkst oder dir am Kiosk n'en Eis kaufst. Liegt dir überall im Magen. Ob hier oder da, sind immer die gleichen Spinnennetze. Landest immer wieder im Maschinenraum vom Raumschiff Erde."

"Hmm, wir müssen uns einen Fluchtweg malen… ein bisschen Zinnober und rote Pumps"

Er kommt voll in Fahrt, monologisiert. Die Flasche ist inzwischen leer.

"Photographie, vielleicht ein kleines Shooting im Spiegelkabinett. In Licht setzen. Aber welches Licht? Wessen Licht? ... Die Sonne?  Alte Macht, das Gold am Ende des Regenbogens ist lange schon im Tresor …Oder wir drehen einen kurzen Film."

Unterbricht ihn: "Wie wär's mit Kerzenlicht?"

Er versucht noch einen Schluck aus der Weinflasche und spuckt dann die Tabakreste ihrer Kippe aus.

" Bäääääähhhh!"

Der Vollmond lächelt dazu wie 'n alter Halloweenkürbis.



"Hab vor kurzem in der Seminarbibliothek der Ethnologen 'rumgestöbert und das Bild einer Marionette entdeckt. Eine italienische Marionette mit einer Drahtführung über den Scheitelpunkt des Kopfes. Der Kopf war überproportional in der Höhe. Strebte zum Himmel, wie die alten lapiszblauen Träume der Maler. Der Körper gehorchte dem Führungsdraht. Die ersten unsicheren konstruktiven Schritte .. Dann der Wettlauf .. Man könnte Avantgarde auch mit Weglaufen übersetzen."

"Hey! Lass mal Luft ab! Bevor du mich jetzt über die zweite industrielle Revolution aufklärst. Lass uns lieber noch was trinken gehen."

Beide stehen langsam auf. Er stößt dabei an die Weinflasche. Sie rollt mit einem hellen Klack über die erste Stufe, "Klack", die Zweite, "Klack". Klack, klack, klack, bis sie dann in Scherben geht.

" Bist ‘n echter Philosoph, was?!"
" Ja, aber ein sehr Vergesslicher"






Text 3


Eine WG-Küche, große Fenster lassen Licht und Straßenlärm rein. In der Ecke läuft ein Fernseher. Gesampelter Jazz aus dem Lautsprecher. 3 Personen A, B, C sind in der Wohnung.

"Setz mal n'en Tee auf."
"Welchen? Den Darjeeling?"

"Ich nehm´ immer den einfachen Schwarztee und tu dann zwei Finger voll Darjeeling dazu."

"Warum?"
"Is sparsamer .. "

" Du wirst noch mal ein richtiger Hausmann."
"Hmmmm"

"Was schreibst'n da?"

"Ein Rückblick auf die 80er, oder eher einen Ausblick auf die nächsten Jahre, Gedanken die mir schon lange durch den Kopf gegangen sind."

"8oer …. Das Bild eines einzelnen Demonstranten. der vor einer Bullenkette steht, den Pflasterstein in der Hand."

"Zu sowas verkommt es dann. Für viele war es eher das stundenlange Frühstück, die Gespräche, das ständige Kommen und Gehen. Die Konzerte. Die Augenblicke."

"Tscha, das war mal. Die meisten Leute haben Jobs oder Familie. Da wird der Kreis, was einem wichtig ist irgendwann enger gezogen."

"Das alte Links-Rechts-Schema, hier gut, da böse, greift ja auch nicht mehr."

"Du meinst den Mauerfall und den Sieg der freien Marktwirtschaft?"

"Nee, eher die Computer. Wenn du im System drin hängst verändert sich auch das Denken. Fließgleichgewicht. Man denkt eher in Systemzusammenhängen die variabel sind. Die entstehen, wieder zerfließen, sich neu strukturieren."

"Is doch geil, was da an Möglichkeiten drin ist, was da an Kontakten und Info 's abgehen kann."

„Das virtuelle Dort hat doch nur Sinn, wenn es auf reale Strukturen trifft und sich verankern und austauschen kann, also auf Menschen, die Erfahrungen haben und diese auch teilen."

"Genau daran hapert 's doch. Die meisten Altlinken oder Alt 80iger leben lieber weiter in ihren Seifenblasen."

"Was meinst du denn damit?"

"Das viele dieser Leute es unterlassen haben außerhalb ihres Szeneklüngels, ihre Fehler einzugestehen und aufzuarbeiten und viele der Leute von heute so nicht die Chance hatten aus diesen Fehlern zu lernen und es besser zu machen."

"Leute von heute. Hört! Hört! Leiht dem großen Häuptling euer Ohr und eine Apfelsinenkiste, er möchte eine Rede halten."

"Verarsch mich nicht!"

Schweigen. Er zappt mit der Fernbedienung durch die Programme. C. rührt den dritten Löffel Zucker in den Tee und B. lässt die Sonne durchs Fenster.

"Die Szene is' doch an der Paranoia kaputtgegangen, an diesem ganzen Konspi-Getue."

"Die Zahmen träumen vom Fliegen, die Wilden vögeln."
„Genau, aber eben nicht. Oder willst du behaupten, dass es den 80igern gelungen ist eine lustbetonte, freie Alltagskultur zu entwickeln und zu bewahren?"

"Wenn ich Anfang der 80er soweit gewesen wäre wie jetzt, wäre ich bestimmt zu den Bhagwanis gegangen. Zumindestens in der Anfangszeit haben die bestimmt ne ' Menge Spaß gehabt."

" Guru, Guru, Guru, ...Jetzt hör aber auf, das kann man nun echt nicht vergleichen"
"Wieso? Der Ansatz an einer inneren Befreiung von Zwängen zu arbeiten, nicht über dieses ganze Psychologengequatsche, sondern über direkte Körperarbeit. Das ist doch gut.“

"Guru, Guru; Guru."
"Ja, ja ....."

Straßenlärm, aus dem sich die Sirene eines Polizeiwagens herausschält. B. steht auf und schließt das Fenster wieder.

"Die Solidaritätskampagne für die politischen Gefangenen, die christliche Einflussnahme und die daraus resultierende Anteilnahme hat doch dazu geführt, dass menschlichen Bewusstsein, das hochgradig manipuliert wurde, aber immer noch über ein starkes Sendungsbewusstsein verfügte, Gehör verschafft wurde. Klar, menschlich gesehen war das absolut notwendig, aber auf der anderen Seite hat sich der Knast, die Situation in der diese Leute steckten, in den Köpfen vieler Menschen innerhalb der Szene reproduziert….Mit allen Konsequenzen der Manipulierbarkeit."

"Mir fällt da ein Buch von Klaus Theleweit ein. Das "Buch der Könige". Da setzt er sich in die Mythen und versucht aber auch zu erklären warum alternatives Bewusstsein, politische Kultur, den industriellen Tod stirbt und wieder von der Gesellschaft aufgesogen wird."

"Guck dir doch an was aus den Grünen geworden ist. Bis auf große Worthülsen hat sich doch nichts verändert. Schlimmer noch. Die Bundeswehr beteiligt sich aktiv am Angriffskrieg in Serbien und die Atomkraftwerke werden, wenn überhaupt, doch nur aus der Diktion ökonomischer Notwendigkeit abgeschaltet. Das beste Beispiel dafür dass auf der Ebene der hohen Politik die Menschen und Meinungen austauschbar sind."

"Nein, ich mein ja, aber was ich eigentlich sagen wollte, ist, dass dieser Autor in seinem Gedankengang versucht weitaus radikaler zu sein als diejenigen, die in ihren politischen Formeln verstrickt sind. Der Zeitraum, von - sagen wir, 1960 bis Gegenwart, also die Zeit in der sich die politische Gegenkultur und die Protestkultur hat entwickeln können, ist nichts im Verhältnis zum Kalender der Macht. Wenn man da weitergehen will, muss man sich irgendwann mit Mythen, mit Religionen und den daraus entstandenen gesellschaftlichen Körpern beschäftigen."

"Mich interessiert mehr der Körper des Weines, der da bei dir im Regal steht… hast du einen Korkenzieher"

Sie holt die letzten beiden sauberen Gläser aus dem Schrank und stellt einen kleinen Becher dazu.

"Die ganze Suche und der Kampf um gesellschaftliche Freiräume und Nischen in den 80ern. Wohngruppenkultur, Kollektive, besetzte Häuser und Projekte, war ja nicht nur eine Frage wie das organisiert wurde, sondern auch inwieweit mit Einflussnahmen oder besonderen Qualitäten von Durchsetzungsvermögen umgegangen worden ist."

"Dem konnte und kann schon etwas entgegengesetzt werden. Es ist doch eher so, dass man aufpassen muss, dass neben dem sicherlich auch notwendigen "klar Schiff“' auf lange Sicht und aus Gewohnheit die Träume nicht über Bord gehen."

"Oder das eine "Monroe" (Marilyn) die Träume nur benutzt. … Versuchsballon geplatzt. Das war's jetzt Leute. Zur Realität geht 's da lang.. Und die Statistiker bedanken sich."

"Es ist doch auch eine Frage der Mode. Wenn viele der Models, die in diesem Land einen schweren Stand haben und nur von Taxi, zur Location, zum Hotel und wieder zum Flugzeug hoppen, hier unbeschwert, in guten Schuhen durch die Straßen gehen würden, wäre die Situation auf jeden Fall um einiges angenehmer."

 "Spinner"
"Hey, das verstehst du nicht!“

 "Stiefellecker"

"Ne, da is 'schon was dran, aber bei bestimmten Models, eigentlich bei allen, ist man schon wieder beim gesellschaftlichen Kunstkörper. Ein bestimmter Typ repräsentiert eine bestimmte Käuferschicht in ihren Rollenverhalten und Mode. Der Hip Hopper steht vor dem Zaun, fragt nicht nach dem Seitenschneider, aber dank seiner guten Klamotten kann er rüber qucken."

"Na ja, aber Grenzziehungen werden doch auch von der Szene akzeptiert, doch sogar gewollt. The good In-group und die da draußen"

"Klar, die Mauer um den Garten schützt vor Nachbars Blicken, aber rüber
krabbeln sollte man schon können. Zumindestens wenn man unter einer multikulturellen Gesellschaft was anderes versteht, als den gesamteuropäischen Zoo, den die da vorbereiten.“

"Aber noch mal zurück zum Model oder Kunstkörper. In den meisten Kulturszenen, auch in der Politikszene ist es doch genauso."

"Wenn auch unter anderem Vorzeichen. .. "

"Einzelne Leute werden entdeckt und aufgebaut, manchmal sogar soweit, dass sie die Subkultur aus der sie stammen verinnerlichen. Da werden dann Fragen des Standbeines, des Appetites und der Notwendigkeit des Erfolges wichtig, bis hin zu den Einschaltquotenjägern im Fernsehen. Also Spielregeln, die seit jeher von den Mächtigen bestimmt werden."

"Guck dir doch MTV an. Ein paar der Musikgruppen sind wirkliche selbstbewusste Künstler mit eigener Message. Das merkt man an der Musik und an den Clips. Aber viele dieser Gruppen werden einfach eingekauft, kriegen ein Konzept übergestülpt und werden auf die Bühne geschoben. Schuppi duppi duuu. ..."

"Stimmt. Aber um überhaupt Rückschlüsse auf die eigene Situation ziehen zu können, um diesen Erklärungszusammenhang in Bezug auf den gesellschaftlichen Körper überhaupt verstehen zu können, muss man weitergehen als dieses Flugblattgesülze von der herrschenden Klasse."

"Fassbinder"

"Wie?"

"Fassbinders Film „Die Welt am Draht". So ne Art Science Fiction, wo sozusagen im Labor eine Kunstwelt mit Kunstmenschen simuliert wird, bis die Wissenschaftler dann merken, dass sie genauso am Draht hängen. ... Ende der 80er sollte der mal im Abendprogramm laufen. Ist dann aber wieder kurzfristig abgesetzt worden."

"War denen wohl zu brisant."

"Mmmh. Momentan dürfen sich ja noch alle auf den Spielwiesen der neuen Technologien tummeln. Aber wenn wieder die Verbotsschilder aufgestellt werden, kann das sang- und klanglos ganz schön ins Rutschen kommen."

"Und du wirfst anderen Leuten Paranoia vor!"

"Nein. Aber es geht darum wachzubleiben, um die Fähigkeit zu kommunizieren. Um Zufälle, das Gespräch auf der Straße. Aber auch darum Zeichen zu setzen. In diesem Sinne sind auch viele Klowände eine chinesische Wandzeitung."

"So, so, du schaffst es ja nicht einmal einwandfrei, ohne Spritzer, in die Schüssel zu pissen.
Du bist übrigens dran mit Klo putzen."

"Öhh, lass uns erstmal was essen gehen. ...... "



Text 4

Altbau, knarrender Holzfußboden, hohe Decken mit Stuck. In der Küche türmen sich die Teller vom großen Käsefondue vom Vortag. Aus einem Zimmer dringt Tastengeklapper. Die Silhouette von W. zeichnet sich leicht gekrümmt vor dem blauen Flimmern ab. A. und B. , beide im Bad. In der Wanne verhuschen sich ein paar fingernagelgroße Silberlinge. B`s Blick geht an die Decke.

"Oh Mann, quck dir das mal an. Die ganze Tapete ist verschimmelt... Wir müssen neu streichen, oder besser noch, ne Lüftung einbauen."

Holt die Lupe aus dem Badezimmerschrank.

"Das sind Pilze. Guck Du dir das mal an …. Da sind sogar rote und gelbe mit dabei."

Reicht die Lupe weiter.

"Vielleicht sollten wir es mal mit Schnecken probieren. Die mögen auch Feuchtigkeit und vielleicht essen sie die Pilze."

"Oh, oh, erklärst du das hier gleich zum Biotop? Unsere Schneckenwiese im Badezimmer."

 A. holt einen schwarzen Edding aus dem Jackett. – AMÖBENRESERVAT

"Das sind keine Amöben, das sind Schimmelpilze."

"Na und? Im Käse sind auch Pilze, da schmierst du sie dir aufs Brot."

"Aber nicht unter der Dusche. Außerdem sind das andere Kulturen."

Beide gehen zu W.  Der Blick gleitet an der Bücherwand und bleibt bei den "Zone Books, New York hängen. 



"Wenn man das Verhalten der Amöbe nun zum gesellschaftlichen Prinzip machen würde. Ein Einzeller der unter bestimmten Verhältnissen die Fähigkeit besitzt sich zu einem vielzelluaren Organismus, einen Pilz, zu entwickeln."

"Ach, die Gedankenspiele der Schweizer Ethnostudenten. Damals war es Philosophie, oder eher ein faszinierender Gedanke, ein Erklärungsansatz. Eine bildhafte Vorstellung, wie sich die ursprünglichen Religionen in den frühen Stammeskulturen haben entwickeln können."

„Heutzutage, mit den mannigfaltigen Möglichkeiten des Internets ist es durchaus real. Struktureller Aufbau im Moment der Notwendigkeit und dann wieder der Zerfall. Das globale Dorf ist doch schon längst da und durch den Zufallsmoment beliebig variierbar."

"Da täuscht du dich aber. Du vergisst das Computer, wie auch das Internet Produkte militärischer Entwicklungen sind und die Hardware solchen gesellschaftlichen Utopien, oder Phantastereien, klare Grenzen setzt. Außerdem beinhaltet das Wort "Dorf" etwas, was in den meisten Fällen Fiktion bleibt; tatsächliche, reale zwischenmenschliche Beziehungen, ein Kontinuum gemeinsamer Erfahrungen."

"Hmm, da hast du zum Teil recht. Aber das mit der Hardware lass ich nicht gelten. Auch Zelluid, der Grundstoff eines jeden Films, war ein militärisches Produkt. Trotzdem sind viele poetische und revolutionäre Filme möglich gewesen und werden es sein."

"Komm, komm. Die Realität sieht nu aber anders aus. Meinungen und Buchwissen sind eine Sache, eine ganz andere sind die tatsächlichen strukturellen Zusammenhänge. Gerade jetzt, wo die ersten ausgereiften Testmodelle informeller Körper sich in den Städten manifestieren, die Landkarten der globalen Umverteilung schon als Gedächtnis eingeschrieben."





"Früher haben sich die Leute nicht nur über ihre Meinungen, ihren Informationsfilter definiert, sondern auch ganz bewusst über ihren Alltag. Kopf und Bauch."

"Ja, ja.."

"Hast du mal die "Autonomie" zur Radiokultur in den 20er Jahren gelesen?  Das Radio macht frei, der Äther kennt keine Grenzen, Meinungsfreiheit, ein Wegbereiter der Demokratie. Die Konstruktivisten haben das anscheinend echt geglaubt, damals. 15 ]ahre später wurde dann gleichgeschaltet."

„Na, auf der anderen Seite gab es früher auch sehr viele Radiosender und auch viele Bastler, die sich in die Technik eingefuchst hatten. Oder die Ära der freien Radios in den 80ern. Sind bestimmt auch alles Bastler und Tüftler gewesen."

„Und genau das ist beim Computer nicht mehr möglich. Die Technik ist inzwischen so miniaturisiert, das ein schlauer Kopf und eine Hand nicht mehr mithalten können. Der Werkzeugkasten bleibt geschlossen."

„ Aber dafür wird Zeit gespart.“
„ Klar, fragt sich bloß wo die hingeht."

„Frahmstag...- Bei den Menschen ist es mit der Zeit wie bei den Insekten mit den Pheremonen. Ist der Duftstoff einmal draußen, können sie nicht anders. Dreht einer an der Zeit, der Geschwindigkeit - müssen alle mit.“

W. rnit halbern Ohr dabei, klingt sich aus dern System aus und lässt den neuen Bildschirmschoner Pirouetten drehen.

„Eine Geschichte kann neu erzählt werden, ein Buch neu geschrieben werden.Die Kriege in diesem Jahrhundert haben das Gedächtnis vieler Städte zum Großteil ausradiert, durch Neu- und Umbau wurden sie umgeschrieben. Die neue Technologie macht eine Umschreibung auf zelluarer, atomarer Ebene möglich.“

„ New brave world"


„Was heißt New brave world ? Vielleicht bringt die Zukunft eine Gesellschaft, die ähnlich dem indischen
Kastensystem funktioniert. Wo Software, Informationszugänge - die Möglichkeiten in der Gesellschaft
bestimmen. Und deren Grenzen. Anstatt in der Schule Zeit mit sogenannten Lerninhalten zu vergeuden,
wäre es wichtiger mentale Techniken zu erlernen, die es möglich machen das Andocken und Abkoppeln
von Softwarepaketen zu verarbeiten. Dem Spielerischen würde mehr Raum gegeben werden müssen, da
man nicht mehr aufhören darf zu lernen. Neue Berufe, wie Traumdesigner werden sehr gefragt sein.“

„Der Träumer bist du. Du vergißt die menschliche Geschichte, aus der klar hervorgeht, daß jede
Erfindung, jede revolutionäre technologische Neuerung, im Sinne eines Neandertalers genutzt wird. „Das
ist mein Wasserloch. Meine Keule ist länger und härter als deine, also gehört mir auch der Beerenbusch.“
Und sollte es den geheimnisvollen Quader, wie ihn Stanley Kubrick in "2001" dargestellt hat - den
Impulsgeber für eine evolutionäre Veränderung - wirklich geben, so wird er heute bestimmt von unzähligen
Femsehtalkhows, Handy-Gequatsche und MTV-China überlagert."

„Wenn man so denkt, kann man doch nur den Frust kriegeın.“

„ Aber ganz im Gegenteil, will dir nur ein bisschen deine Illusionen zurechtstutzen."
„ Besten Dank, aber den Friseur such ich mir selber aus!“

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Text 5


"Was ich von Tantra halte?

Du, ich weiß nicht, hab da überhaupt keine Erfahrungen. Aber ich glaube, das es sich hinter dem ganzen Wunschdenken ähnlich verhält wie mit… mit, z.b. Meditation. Am Anfang wird einem gegeben. Es entspannt, erleichtert, macht Spaß, schafft neue Einsichten. Und im fortgeschrittenen Stadium wird es dann Arbeit."

"Was! Glaubst du nicht, das man dabei lernt gut zu vögeln?"

"Weiß nicht, ... Doch bestimmt. Trotzdem glaube ich, das das Verhältnis zur Liebe eher nüchterner wird."

"Ach was! Räucherungen, rituelle Mahlzeiten, abgestimmte Farben, Körperöle und dann, ... stundenlanger konzentrierter Sex."

"Wenn du so interessiert bist, dann lass dich einführen. Zahl 1000 DM für einen Workshop, oder such dir ne Freundin, die dir's beibringt, Kannst ja ein Inserat aufgeben."

"Und Einatmen… und Ausatmen … und mit dem Becken linksrum kreisen … und Einatmen ...und Strömen lassen."

"Und in ein paar Jahren machst du dann eine Mineralwasserbar auf. Mit Happy Hour, eine Stunde vor Mitternacht."

"Gute Idee….Aber ohne Eis."
"Was ohne Eis?"

"Das Wasser. Keine Eiswürfel zur Happy Hour."
"Ach so."

"Spirit hin, Spirit her. Als ich früher mal mit Yoga angefangen habe, war ich auch echt fasziniert. Geheimes Wissen, der Körper als Tempel, Chakrenarbeit, gesunde Ernährung, bewusst durchs Leben gehen. Und dann … Erst wird einem Erkenntnis gegeben, dann wird gefordert. Aus der Meditation wird Arbeit und aus dem vormals so respektierten Lehrer wird der Buchhalter des Karma-Kontos."

"Na, das ist aber ein bisschen hart."

"Stimmt, ... ganz so stimmt es ja auch nicht. Aber Illusionen sollte man sich trotzdem keine machen."

"Kennst du den einen Comic von Tardi" "Hier Selbst"? Monsieur „Hier Selbst`s“ Vorfahren waren Großgrundbesitzer. Ihnen gehörte die ganze Insel, Schauplatz dieser Geschichte. Ihm hingegen gehören nur noch die Mauern, die die verschiedenen Grundstücke voneinander trennen. Ein richtiger Grenzgänger mit einem kleinen Häuschen auf der Mauer. Na, ja. Jedenfalls wird er von einem Händler mit Lebensmitteln beliefert, der mit seinem Schiff kommt. Und in seinem Bauch, im Bauch des Schiffes, eine riesige Bibliothek hat. Als das Schiff im Laufe der Geschichte wg. widriger Umstände zu sinken droht, äußert der Händler die Erkenntnis, dass die Drüsen keinen Humor kennen."

"Tscha, Körperpolitik, bzw. die Veränderungen der gesellschaftlichen Körper, aufgrund technologischer Bedingungen, sind selten lustig."

"Zeit für einen Tee. Was hältst du von einem Yogi-Tee?"

"Lass uns lieber ein bisschen experimentieren. Schwarztee, Nelken, Zimtstangen und Kardamon stehen da vorne im Regal."

"Gut, dann aber auch mit Honig und Petersilie"
"Wir haben keine Petersilie bei den Gewürzen"

"Da auf der Fensterbank steht Frische."
" Hmm. Wirf sie aber erst zum Schluss in den Topf, sonst verkocht sie.“

"Ja, ja .. "

"Hab mal einen Film gesehen, von Sodersleben. Spielte in Prag. Die Szene um die es ging: - der Typ, der Hauptdarsteller, stöbert auf dem jüdischen Friedhof und findet in einer Krypta einen Geheimgang, der direkt zu einer riesigen Bibliothek ins Schloss führt. Er kommt aus diesem unheimlichen Gang, stolpert und fällt in einem überdimensionierten Karteikasten und findet sich in der gut beleuchteten Bibliothek - oder sagen wir lieber Registratur - wieder. Eine echte lebende Karteileiche. - Und weißt du, ich saß da in diesem Kinosessel mit einem riesigen „Aha“. Mit der plötzlichen Erkenntnis, das es den Menschen mit ihren Hochrelegionen duldsam und strebsam geschafft hatten, die Bürokratie auch in den Himmel zu verlagern."

"Oh, oh. Lass uns lieber schweigen, oder von was anderem reden. Oder noch besser, lass uns wo hingehen."

"Moment, Moment. Der Tee hat jetzt genug gezogen, lass uns danach entscheiden."

Text 6


Nahaufnahme. Afrika. Trommelrythmen untermalen das Meeresrauschen, vereinzelte Palmengruppen wiegen leicht im Wind. Die idyllische Einsamkeit erklärt sich aus dem Vorhandensein der " Mirabellis elefantis", einer Verwandten der gemeinen europäischen Stechmücke, die die Urlauber veranlasst in ihren vollklimatisierten Hotelsuiten zu verharren. - Zoom auf - Das Bild erstarrt und gerinnt zu einer Postkarte, die am Pfeiler über den Köpfen unserer beiden Hauptdarsteller hängt. - Winter. Schlittschuhbahn. Komplette Schulklassen drängen lautstark auf die Piste. Vom Kiosk weht der Geruch von Pommes Frites rüber. Beide schlürfen Glühwein, den sie sich mit Cognac verfeinert haben.

"Die taz und die Grünen sind irgendwann mal entstanden weil Menschen Hoffnungen hatten, wirklich etwas zu verändern. Nach den Jahren, wenn man sich anguckt was aus den Grünen geworden ist. ... Was wird denn eine zukünftige Generation Unzufriedener mit ihren Hoffnungen und Träumen machen? Nach diesen warnenden Beispielen? Ihre Innenwelten designen? Aktuelle Bedürfnisbefriedigung und sonst Schulterzucken?"

"Was heißt denn warnendes Beispiel?"

"Das heißt, dass die Verschleißerscheinungen dieses angeblich - ach so demokratischen Theaters gezeigt haben - das es kein Weg sein kann sich auf das Establishment einzulassen. Kein Stück vom Kuchen, nicht nur ne Torte, die ganze Bäckerei sollte es sein. Wen wundert`s wenn irgendwann, psalmodierend, die Vertreter der Hefekulturen vor der Tür standen."

Beate schlürft eine Nelke aus dem Plastikbecher und spuckt sie im hohen Bogen aufs Eis. Eine Klassenlehrerin guckt indigniert zu ihnen herüber: Eine junge Frau im engsitzenden Body läuft ihre Kür. Achter, Pirouetten, einen Rittberger. Eine Gruppe junger Männer - Berufsschüler, stehen am Rand. Ihre Bemerkungen werden von deutlicher Gestik begleitet. Zwei von ihnen gockeln wie Eishockeyspieler hinter der Frau her, die anderen zünden sich Zigaretten an.

"Der reich'sche Erklärungsansatz hat schon was für sich. Liebe ist wichtig. Zwischen Mann und Frau, oder sagen wir lieber zwischen Menschen, die sich sympathisch sind. Wenn man als Mann mit all den Frauen die einem gefallen, vögeln würde, hätte man wahrscheinlich keine großen Ambitionen die Gesellschaft auf den Kopf zu stellen. Da wäre es dann eher wichtig ein paar Lebensmittel zu besorgen, was im Haushalt zu reparieren, n' en neuen Stuhl zu kaufen, sowas eben ... Und irgendwann dann für die Kinder sorgen. Früher wäre man jagen gegangen oder hätte die Erde bestellt, gehandelt oder geraubt. Heute muss man eben arbeiten gehen, oder so.. "

"Wenn mir das nächste Mal ein Typ gefällt, erinnere ich dich an deine Rede."

"Dann erinnere den Typen aber auch daran, das er Gummis benutzen soll."
"Ach, das gilt auch für dich, Kleiner."

''Meinte Reich nicht, das die Gesellschaft funktioniert, weil die Moral sozusagen bei den meisten Menschen Triebverzicht einläutet. Anstatt mit den Menschen zu schlafen bzw. zu flirten, mit denen man es gerne möchte, oder es zumindestens zu versuchen, wird die überschüssige Energie in Arbeit umgesetzt. Die Arbeit dann bezahlt und damit kann man dann zwischen 30 verschiedenen Schokoladensorten wählen oder sich ne schicke Jacke kaufen."

„Da würde dir in der Radikalität, oder sagen wir lieber Einfachheit deiner Aussage ein Künstler oder ein Spiritueller bestimmt widersprechen. Ein Künstler kann z.b. ein Buch erstellen, gestalten. Es sozusagen als sein Kind ansehen. Ein schöpferischer, formender Prozess, mit dem Buch, den Lesern und sich selbst, der vielleicht gleichgesetzt wird mit einem Liebesverhältnis. Oder ein Spiritueller, der seinen Trieb diszipliniert und einsetzt und so die Liebe in Allem, in der ganzen Schöpfung entdecken kann."





"Morphogenetische Felder"
"Was?!"

"Morphogenetische Felder. Der Verzicht aufs Ausleben der Triebe kann einem morphogenetischen Feld mehr Energie zuführen. Vielleicht mussten die Pastoren deshalb im Zölibat leben. Damit sie besser als Sender im Jesus - Feld wirken konnten."

Am Verleihstand für die Schlittschuhe hört man das Sirren der Schleifsteine, während die verschiedenen Schuhgrößen im Dutzend den Tresen wechseln.

" Kennst du das Buch Merlin? Von einem Engländer während der Zeit des 2. Weltkrieges geschrieben. Er vermischt da Mythologisches aus der Arthus-Sage mit Eindrücken, die er aus seiner Zeit gewonnen hat. So nimmt Merlin Arthus vor seiner entscheidenden Schlacht nochmal mit auf eine Spirit-Reise zu den Tieren um die mentale Ausbildung zu vervollständigen. Sie sind bei den Wildgänsen, bei den Ameisen und noch bei anderen. Den Ameisenhügel beschreibt er als gleichgeschalteten Nazistaat. Radiopropaganda als Botenstoff."

"In den letzten Jahren gab es doch auch Zeiträume von mehreren Monaten in denen im Radio und Fernsehen täglich Wörter, wie Tote, Krieg, Notstand, Hunger, Mobilmachung zu hören waren. Dein Intellekt ist zwar in der Lage diese Information richtig zu sortieren und sich der Distanz zum geographischen Raum bewusst zu werden. Auf anderen Ebenen macht es einfach  "klick“…

"Vor allen Dingen ist doch gerade mit Hilfe der Distanzlosigkeit Politik gemacht worden ... "

"Cut ! Worauf ich eigentlich hinauswollte, ist wie sich die gesellschaftliche Kinesis, der Spannungszustand verändert hat. Waren die 70' er eine Zeit sexueller Freizügigkeit, gehörte der Quicki in bestimmten Kreisen zum guten Ton, hat sich das doch enorm verändert.  Sexuelle Abstinenz: oder Treue im Zeitalter des Virus. Und es gibt einen Überschuss an Sexualenergie, an Sehnsüchten. Bedürfnissen, die mit Schokolade nicht mehr zu befriedigen sind. Dieser Überschuss will irgendwo hin. Früher ein Sender-Empfänger-Prinzip zu einem Idol, einem Schauspieler, einen politischen Führer, einer Kultfigur, heute eher eine Projektionsfläche, eine Spiegelung, eine Holographie.“

"Was ist überhaupt ein morphogenetisches Feld?"

"Hm, das was einen Vogelschwarm wie einen Organismus, als einen Übervogel erscheinen lässt oder einen Fischschwarm… Bienen, Wespen Ameisen."

"Auch Hornissen und Hummeln?"

"Klar, sind ja auch Schwarmwesen.  Im anderen Zusammenhang lässt sich eine Brücke schlagen zu dem Feld einer Religion, eines Glaubenzusammenhanges, da wäre es aber eher ein Andachtsraum. Oder eine bestimmte Musikrichtung, klassische Musik, Rock, Jazz, wo die Musik den Raum schafft indem sich die Beteiligten befinden. - Oder das berühmte Beispiel vom hundertsten Affen, der - obwohl isoliert von seinen Artgenossen - auf einer Insel lebt, die gleiche Fähigkeit des Muschelaufbrechens intuitiv erfasst und sich das Muschelfleisch schmecken lässt. Das gleiche gilt für Ideen. Sind sie einmal gedacht sind sie sozusagen existent. Hätte Einstein z.b. seine Gedanken zur Theorie der Atomenergie aus Verantwortungsgefühl für sich behalten, hätte bestimmt ein anderer, im gleichen zeitlichen Zusammenhang, plus minus 5 Jahre, diese Gedanken niedergeschrieben."

"Und was würde der hundertste Affe denn heute in unserer Gesellschaft machen? Sich lausen?"
"Wahrscheinlich"

Sie steht auf, laust ihm zärtlich die Haare, streicht ihm mit den Fingern übers Gesicht, über die Augen. Bis er sie fest geschlossen hält, ... und reißt ihm dann mit einem Ruck ein Haar aus der Nase.

"Aua!"

Lacht 

"Da war eine, eine riesengroße Laus, die sich`s schön gemütlich gemacht hatte bei dir."

Sie geht zwei frische Kaffee holen und macht den Cognac leer.

„In den ersten Jahrhunderten des Christentums galten Verrückte noch als heilig. Seit der französischen Revolution stellt die Psychiatrie ein Regulativ in der Gesellschaft dar, das nicht mehr wegzudenken wäre."

"Dann pass mal auf, dass deine Gedanken da nicht hin verschwinden."

"Oder die zunehmenden Vergesslichkeiten in Zeiten der Gesundheitsreformen."

"Telekom-Aktie!?" .
"Hä?"

"Lets go west campaign"
“Nie gehört...“

"Es ist doch eben die Alltäglichkeit und Normalität von scheinbar sanften Eingriffsmöglichkeiten, Mechanismen sozialer Kontrolle, die erschrecken."

„Ach hör doch auf. Die Gralshüter politischer Tugenden wollen unbedingt die Bevölkerung informieren, und die wollen`s gar nich´ wissen. Diese Leute sollten lieber ne Zeitlang Brötchen auf`m Wochenmarkt verkaufen, dann wüssten sie, was die Leute wirklich interessiert.“

"Muss ich gar nicht haben. Mir langt es mit Leuten zusammen zu wohnen, wo die Gemeinsamkeiten über den Fun hinausgehen. Gute Musik und ne gute Rolle, die man der Tüte im Supermarkt entgegensetzen kann."

"Also, was würde der hundertste Affe denn nu machen?"

"Sich Leute suchen mit denen sich' s gut lausen und leben lässt."
 
Schnallt sich die Schlittschuhe um


„Kommst du mit laufen?  Und danach mit zu mir? Meine beiden Küchenstühle müssen repariert werden.“

"Und was bekomm ich dafür?"
"Das weißt du doch. Kleiner."











 

 

Wohnungsimpressionen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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